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Nüffe

„Lass uns nochmal ganz genau darüber nachdenken..." sprach das Eichhörnchen, doch man merkte seinem Tonfall an, dass es mit dem Nachdenken schon längst fertig war und entschieden hatte. „Du sagst, wenn ich meine Nüsse nicht mehr kartographiere und mich ausschließlich auf die Stärke meines - zugegebenermaßen fantastischen - Gedächtnisses verlassen würde...Wenn ich dann wider allgemeiner Erwartungen alle meine vergrabenen Schätze wiederfinden würde, dann würde ich allen bewiesen haben, dass ich richtig dicke Nüsse habe?“


„Na Logo!“ antwortete die Krähe. „Du wärst berühmt für dein Mastermind. Alle würden dich bewundern. Noch Generationen später würde man anerkennend über dich reden.“

„Aber meine Nüsse sind doch nicht dick! Sie sind zahlreich und darüber hinaus wohlproportioniert! Das ist etwas völlig anderes.“


„Das ist doch nur im übertragenen Sinne gemeint, Eichhörnchen.“ entgegnete Krähe mit mühsam unterdrückten Oberlehrerton. Wie nervig das war, wenn Eichhörnchen wegen irgendeinem nebensächlichem Detail mal wieder der wesentliche Punkt entging. Aber für Krähes Plan war es wichtig, dass Eichhörnchen sich schlau und überlegen vorkam. Deshalb ließ sie sich keine grauen Federn wachsen und schmeichelte „Niemand hat so ein großartiges Gedächtnis wie du.“


„Das stimmt.“ erwiderte Eichhörnchen. „Weshalb war das jetzt nochmal wichtig?“ „Du sollst dir merken, wo deine Nüsse sind.“ Eichhörnchen schaute an sich runter. „...vergraben sind.“ ergänzte Krähe hastig. „Wo deine Nüsse vergraben sind. Und deine Karte wegschmeißen. Dann werden alle denken 'Das schafft Eichhörnchen niemals. Der kann doch nie und nimmer alle Nüsse wiederfinden.' Und dann findest du sie doch und alle werden blöd aus der Wäsche schauen.“ An Eichhörnchens zufriedenem Gesichtsausdruck konnte Krähe erkennen, dass es sich die Szene seines Triumphes gerade vorstellte. Krähe beschloss aufs Ganze zu gehen und noch einen draufzusetzen: „Alle werden blöd aus der Wäsche schauen, vor allem“ und hier legte Krähe eine dramatische Pause ein „die eingebildeten Igel!“


Das saß! Eichhörnchens, grinste verzückt ein sehr schneidezahnlastiges Grinsen. Doch dann bohrte es plötzlich mit dem Teil seiner Pfote in die Luft, der einem erhobenen Zeigefinger am nächsten kam. „Oder...“ setzte er an und Krähe dachte „Oh je!“ Sie sah das selbstgefällige Blitzen in Eichhörnchens Knopfaugen. „Oder...ich verbuddel die Nüsse, kartographiere ihren Verbleib UND dann verbuddel ich die Karte!“ Krähe gelang es, die Fassung nur ganz kurz zu verlieren. Sie klappte die untere Schnabelhälfte schnell wieder zu. „Oder so.“ sagte sie. „So wissen alle, dass ich kartographieren kann UND ein so fantastisches Gedächtnis habe, dass ich es gar nicht nötig habe zu kartographieren. Ich mache es halt nur aus Lust an der Freude, wie ein gelangweilter englischer Aristokrat...“ Krähe warf Eichhörnchen einen längeren Blick zu, aber das bemerkte gar nichts mehr. Die Schnurbarthaare zuckten aufgeregt.


Gesagt, getan. Im nächsten Herbst vergrub Eichhörnchen seine Nüsse und dann seine Karte. Krähe stahl einige seiner Nüsse ließ die Karte aber links liegen. Krähe musste sich diesen Winter nicht selbst versorgen. Das hatte Eichhörnchen ohne eigenes Wissen für sie erledigt. Knacken musste sie ihre Nüsse auch nicht. Das erledigten die Autos, vor denen sie die Nüsse in den roten Ampelphasen auf den Asphalt legte. Menschen fand sie manchmal ganz schön praktisch.


Eichhörnchen fand natürlich niemals alle seine Nüsschen wieder. Und auch Krähe spürte nur einen Teil davon auf. Hier und da keimte im Frühling ein wohlduftender Walnussbaum. Hier und da sprossen im Sommer Haselnusssträucher. Die sonst so flache Wiese wurde nach und nach dreidimensional. Tiere kehrten zurück; Haselmäuse, Zaunkönige und, allen voran…die eingebildeten Igel.


„Und alles nur, wegen der Eitelkeit des Eichhörnchens und der hinterlistigen Selbstsucht der Krähe. Wer hätte das gedacht?“ fragte Ida Igel ihren Mann. „Selbstsucht und Geltungssucht haben hier etwas Gutes geschaffen. Wenn das immer so wäre, wäre die Welt ein ganzes Stück Stück einfacher.“ antwortete der philosophisch. „Übrigens, findest du nicht, dass meine Stacheln heute ganz besonders gut liegen?“


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