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Hassans bester Freund (Teil 2)

Meick hingegen war zu stumpf um zu spüren, was ich spürte. Oder er spürte und ignorierte es. Meick war süchtig danach, schwächere Mitglieder der Schulgemeinschaft fertig zu machen. Das war sein Kick. Und Hassan war seine Lieblingsdroge. Was auch immer es war, etwas an Hassan reizte ihn ganz ungemein. Gerüchteweise war Meicks Vater ein bißchen AfD. Vielleicht konnte er aber auch einfach nicht anders. Vielleicht brauchte er die täglichen Drohgebährden und das Rumgeschubse, wie andere ihr Nikotinpflaster. Einen nichtprügelnden Meick konnte man sich gar nicht vorstellen. Was bliebe dann noch übrig? Ein talentloser, nicht wirklich witziger, großer und langweiliger Typ. So komisch das klang, aber andere fertig zu machen war irgendwie das, was Meick zu etwas Besonderen machte. Was ihn aus der Masse heraushob und über uns stellte. Angst gemischt mit Bewunderung waren die Reaktionen, die er erntete. 

Doch ich sollte mit meinem Verdacht zu Hassan Recht behalten und in einer Chemiestunde bestätigte sich meine Ahnung. Wir hatten die Plastikschutzbrillen auf und Meick, am Tisch vor uns, gestikulierte mit seiner Hand vor seinem Geschlecht herum und formte mit den Lippen die Worte „Deine Mutter“ in Richtung Hassan. Ich stellte mich so neben den blubbernden Reagenzgläsern hin, dass ich Hassan die Sicht auf Meick versperrte. Er lächelte mich an. Eine winzig kleine Heldentat. Aber eine die nicht ungesühnt bleiben sollte. Als ich Hassans Lächeln gerade erwidern wollte, spürte ich einen dumpfen, harten Schlag auf meinem Hinterkopf und sah kurz Sterne. Ich musste mich nicht umdrehen um zu verstehen, von wem der Schlag kam oder warum. Zivilcourage selbst in ihrer minimalistischsten Form wurde sofort streng bestraft. Nicht, dass sich das durchsetzte. Ein Szenario, das Meick dringend zu unterbinden suchte. 

Als die Sterne in meinem Blickfeld sich langsam wieder auflösten, musste ich zweimal hinsehen um zu erkennen, wer da vor mir stand. Es war immer noch Hassan. Er hatte sich optisch nicht verändert. Es war immer noch das gleiche, schmale, hellbraune Gesicht mit den strubbeligen Haaren dadrüber und seinen großen, braunen Augen hinter der Plastikschutzbrille. Doch er stand so unglaublich still. Ich wollte etwas zu ihm sagen, konnte aber einfach nicht. Er war so ruhig. Zu ruhig. Als wenn sich die Welt um ihn herum weiterdrehen würde, nur er wäre stehen geblieben. Für immer. Die fehlende Aura eines Toten und ich konnte nicht wegsehen. So beunruhigend ich diesen Anblick auch fand, ich war hypnotisiert. Doch auf einmal hatte ich zudem das Gefühl, ich würde unter Wasser getaucht. Mein Herz wurde kälter. Ich konnte es träge in meiner Brust klopfen spüren. Ich spürte auch die Herzen der anderen im Raum. Alle klopfte sie träge im gleichmäßigen Takt. Es war als seien wir nur noch ein Netzwerk von körperlosen, kalten, trägen Herzen. Unter Wasser. Ein paar Meter hinter mir, spürte ich Meicks Herzschlag. Vor mir hätte ich Hassan spüren sollen, aber da war nichts. Gerade als ich glaubte, es nicht mehr ertragen zu können, warf mich eine Druckwelle fast von den doch noch vorhandenen Füßen und hinter mir krampfte Meicks Herz und hörte auf zu schlagen. Ich hörte ihn röchelnd zu Boden gehen. Sehr plötzlich tauchte ich wieder von unter Wasser auf, die Welt bekam rötliche Farbtöne zurück. Rötliche Farben, deren Verlust ich in der Unterwasserwelt vorher gar nicht bemerkt hatte und unsere Herzen schlugen wieder kräftig. So auch Meicks, auf dessen am Boden liegenden Körper die Lehrerin gerade zustürzte. Meick sah so unglaublich erschrocken und überrascht aus, dass ich fast Mitleid mit ihm bekam. Aber hinter dieser Furcht blitzte ein anderes, weniger Mitleid erregendes Gefühl hervor. Als ich wieder zu Hassan blickte, war er zurück in der Welt der Lebenden, doch leichenblaß. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn. Fassungslos sah er mich an.

Das muss der Tag gewesen sein als die Anderen auf Hassan aufmerksam wurden. Irgendwas schien er im Gesamtgefüge verändert zu haben. Kurz danach begannen die Besuche.








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