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Hassans bester Freund (Teil 4)

Ich war immer davon ausgegangen, dass die Frau, die Hassan abholte, seine Tante war. Aber im Grunde genommen, hatte sie einfach nur die gleichen dunklen Haare und Augen. Daraus konnte man keine Verwandtschaft schließen. Und es stellte sich raus, sie kannte ihn gar nicht. Hatte ihn nur aus Verbundenheit zu ihrer alten Heimat und Großherzigkeit bei sich aufgenommen. Früher hatte ich es nicht gewagt, Hassan nach seiner Vergangenheit zu befragen und wusste deshalb nicht sehr viel über meinen neuen, geheimnisvollen Freund. Seit dem Vorfall mit Meick im Chemieunterricht sprachen wir offener als vorher miteinander, doch ich wusste immer noch nichts Konkretes. Einfach weil Hassan sich nicht erinnerte. In seiner Erinnerung war Aleppo eine wunderschöne und lebenswerte Stadt. Er erinnerte sich an den Geruch von Gewürzen und Stoffen in den steinernen, schummrig beleuchteten Gassen des Al-Madina-Souq-Marktes. Er erinnerte sich an die imposanten Umayyad Moschee mit dem weiten Marmorhof und der letzten Ruhestätte von Zechariahs, dem Vater von Johannes dem Täufer. Er erinnerte sich an die hohen Decken und glänzenden Schaufensterscheiben im Shabah, dem größten Kaufhaus des Landes mit seinen sieben Kinos und seinem Indoor-Freizeitpark. Er erinnerte sich nicht daran, wie selbiges Kaufhaus von dem IS als Gefängnis benutzt wurde oder an die Zerstörung von allem, was ihm lieb und heilig war. In seiner Erinnerung war alles intakt. Keine Toten. Keine Verletzten. Keine Verzweifelten. Keine zurückgelassenen Hunde und Katzen, die verwirrt und ängstlich durch die Ruinen huschten. Und darunter irgendwo seine Katze.


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